Nordamerika: Großwildjagd und Walfang früher Kulturen


Nordamerika: Großwildjagd und Walfang früher Kulturen
Nordamerika: Großwildjagd und Walfang früher Kulturen
 
Die älteste Geschichte Amerikas stellt die Wissenschaft immer noch vor manche Frage. Heftig diskutiert wird der genaue Zeitpunkt der Erstbesiedelung des Kontinents, die einerseits aufgrund der Klimageschichte nur in bestimmten Perioden möglich gewesen sein kann, andererseits aber auch durch entsprechende Funde belegt werden müsste. Dass die ältesten Fundplätze in Südamerika deutlich älter sein sollen als jene in Nordamerika, stellt nur scheinbar die Besiedlungsgeschichte auf den Kopf. Die seltsame Beleglage beruht vielmehr auf einer sehr kritischen Bewertung von Datierungen durch die nordamerikanische Forschung und einer etwas weniger kritischen seitens der südamerikanischen Kollegen. Sicher ist, dass die ältesten Funde zwangsläufig sehr dünn gestreut sind, weil die ersten Einwanderer gering an Zahl waren und einen ganzen Kontinent für sich besaßen.
 
Als älteste in Nordamerika eindeutig greifbare Kultur ohne erkennbare Vorläufer in der Alten oder Neuen Welt trat vor der Mitte des 10. Jahrtausends v. Chr. die Clovis-Kultur auf. Das ist deshalb so erstaunlich, weil die für sie typischen Speerspitzen bereits in einer hoch entwickelten Technik hergestellt wurden. Die Clovis-Leute waren Jäger und Sammler, die in den archäologischen Funden vor allem als Großwildjäger erscheinen, weil sich die fein kannelierten Steinspitzen ihrer Waffen immer wieder gemeinsam mit den Knochen erlegter Mammuts und Bisons (Urbisons) finden. Erstaunlich ist auch die weite Verbreitung dieser Kultur, die sich vom Gebiet des heutigen Staates Washington im Westen und der nördlichen Atlantikküste im Osten bis Panama im Süden erstreckte. Dies spricht für eine rasche Vermehrung und Ausbreitung dieser offenbar sehr erfolgreichen Jäger. Doch ebenso rasch, wie sie aufgetaucht war, ging die Clovis-Kultur nach wenigen hundert Jahren, bald nach 9000 v. Chr., auch wieder unter: Nach dem Ende der Eiszeit verschwanden die von den Clovis-Leuten gejagten Großwildarten. Ob die Jäger die in riesigen Herden vorhandenen Bestände von mehr als 30 Gattungen ausgerottet haben oder ob das Aussterben ein natürliches Resultat der veränderten Umweltbedingungen war, ist allerdings unklar.
 
Leider wissen wir nichts über die Jagdtechniken der amerikanischen Großwildjäger dieser Zeit. Ihre Nachkommen verlegten sich später meist auf die Jagd kleinerer Tierarten oder auf das Sammeln wilder Nahrungspflanzen; nur in den Plains, den Kurzgrassteppen östlich der Rocky Mountains, stand bis in historische Zeit ein Tier im Vordergrund, das den Namen Großwild verdient: der amerikanische Bison. Schon aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. gibt es eine Reihe von Belegen dafür, dass auf den Plains Treibjagden mit Massentötungen von Bisons üblich waren. Dabei benutzte man künstlich errichtete Gehege, in die man die Herden trieb, oder natürliche Felsvorsprünge, über die die Bisons in den Tod stürzten. Diese Jagdmethode ist nach heutigen Begriffen verschwenderisch, aber sie war relativ ungefährlich und sicherte das Überleben der Gruppe.
 
Gemessen am Wal, dem größten Säugetier, sind Bisons geradezu klein und leicht zu erlegen, auch weil man dazu nicht über seetüchtige Fahrzeuge verfügen muss wie üblicherweise bei der Waljagd. Manche Völker der pazifischen Nordwestküste konnten aber auch ohne Boote und ohne besonderen Wagemut Wale als Quelle für die Ernährung und die materielle Kultur nutzen: Sie warteten darauf, dass ein Walkadaver an das Meeresufer geschwemmt wurde. Aber dies ist keine Jagd, sondern bestenfalls Sammelwirtschaft.
 
Die bekanntesten und bedeutendsten nordamerikanischen Waljäger sind die Eskimo. Die Ausprägung ihrer Kulturtradition fand zweifellos in Alaska statt, wo sie in der sibirisch inspirierten »arktischen Kleingerät-Tradition« des 3. Jahrtausends ihren Ursprung hat. Diese »Paläo-Eskimo«, denen bereits ein großes, mit Leder bespanntes Boot (»umiak«) bekannt war, jagten hauptsächlich Landtiere, wie Karibu und Moschusochsen, und erschlossen sich dabei die gesamte amerikanische Arktis bis Grönland. Ihre in der Gegend der Beringstraße verbliebenen Verwandten nutzten zunehmend die reichlich vorhandenen Seesäuger, wobei Robben sicher vor Walross und Wal gejagt wurden. In Alaska wurde im 1. Jahrtausend v. Chr. wohl auch die Knebelharpune erfunden, die sich im Tier durch Querstellen der eindringenden Spitze verankerte und die besonders nützlich für die Jagd auf das Großwild des Eismeers war. Die Thule-Eskimo, die den endgültigen Schritt zur Seesäugerjagd vollzogen, konnten sich damit der Arktis ideal anpassen. Auf ihrem Siegeszug nach Grönland verdrängten sie nicht nur um 1000 n. Chr. ihre Vorgänger, in Grönland selbst vertrieben sie im 14. Jahrhundert auch die dort seit 986 ansässigen Wikinger.
 
Prof. Dr. Christian F. Feest

Universal-Lexikon. 2012.